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"Mein Lebensgefühl ist Dankbarkeit."

Ein Gespräch mit P. Hermann Zeller SJ

Pater Hermann Zeller ist der älteste Jesuit in unserem Haus. Er wurde 1914 von bayerischen Eltern in Berlin geboren. Seit 60 Jahren lebt er in Innsbruck. Im 94. Lebensjahr erfreut er sich noch halbwegs guter Gesundheit. Er ist ein aufmerksamer und humorvoller Mitbruder und immer noch seelsorglich tätig.

P. Zeller, wie kam es, dass Sie in den Jesuitenorden eingetreten sind?

Ich bin durch turbulente Zeiten gegangen und habe viele göttliche Fügungen erfahren. Mein Lebensgefühl ist Dankbarkeit. Mein Vater war als Apotheker ein freundlicher und bei den Kunden beliebter Helfer in mancherlei Nöten. Im öffentlichen Leben Berlins und in den Schulen waren Katholiken in der Minderheit. In meiner Klasse gab es unter dreißig nur zwei.

Als ich 1929 dem katholischen Schülerbund „Neudeutschland“ beitrat, erhielt ich nicht nur Impulse zu einem idealistischen Lebensziel (werde wie dein Vater eine Wohltat für deine Mitmenschen!), sondern lernte auch Jesuiten kennen, die im Bund tätig waren. In diesem teils „jugendbewegten“, teils kämpferischen Klima nahm mein Lebensentwurf um die Zeit der Matura konkretere Züge an. Am 7. April 1932 bin ich mit fünf weiteren Berlinern in die Ostdeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu eingetreten und begann im schlesischen Mittelsteine mein zweijähriges Noviziat.

Früher hatte man mit dem Eintritt in einen Orden endgültig von der eigenen Familie Abschied genommen. Empfand man das nicht als „unmenschlich“?

Das hängt davon ab, wie viel Radikalität der im Evangelium geforderten Jüngerschaft einer Generation zumutbar ist. Die Gegenwart ist hierin sensibler als die Antike und das Mittelalter. Dem tragen ja auch neuzeitliche kirchliche Gemeinschaften Rechnung, obwohl jede den Geist des absoluten Vorrangs Gottes zum Ausdruck bringen muss. Denn eben dadurch sind sie den menschlichen Zielen hilfreich.

Dass unsere Ordensdisziplin keineswegs unmenschlich ist, habe ich sehr bald erfahren: Im Dezember 1932, noch in meinem ersten Noviziatsjahr, war mein Vater überfallen, beraubt und entführt worden. Der Orden schickte mich sogleich nach Berlin, um meiner hilflosen Mutter beizustehen, und überbrückte mit großzügiger Hilfe die Notzeit bis zur Rückkehr und Gesundung des Vaters. Meine Berufung und sein Einverständnis wurden durch diese Erfahrung nur noch fester.

Als meine Mutter nach dem 1951 erfolgten Tod meines Vaters in einem Trierer Altersheim Zuflucht gefunden hatte, konnte ich sie jeweils am Ende des Sommersemesters eine Woche lang besuchen, bis sie 1971 ihr frommes Leben 86jährig beschloss und von mir begraben wurde.

Der Jesuitenorden verlangt eine solide philosophische und theologische Ausbildung. Bringt der Novize eine solche nicht schon mit, erhält er sie im Anschluss an das Noviziat.

Da ich gleich nach der Matura eingetreten bin, standen mir nun die drei Jahre Philosophie im ordenseigenen Kolleg (Bild) in Pullach bei München bevor. Die ruhige und gesunde Lage am Rand des Forstenrieder Waldes und ein reichhaltiger Lehrplan, vertreten durch wohlwollende und kompetente Lehrer, ließen die Abgeschiedenheit von München verschmerzen. Schwimmen in der Isar und Wanderungen bis nach Starnberg hielten uns gesund. 150 junge Männer aus dem gesamten deutschen Sprachraum waren hier beisammen und entfalteten ihre Talente. Man lernte nicht nur ein paar Namen und Theorien, sondern auch intellektuelle Gewissenhaftigkeit und weltanschaulichen Überblick.

Ihre Oberen hatten wohl bemerkt, dass Ihr Studium Ihnen Freude machte und schickten Sie darum für das im Orden zwischen Philosophie und Theologie übliche „Interstiz“ als Repetitor für Philosophie nach Rom ins „Collegium Germanicum et Hungaricum“. Man hoffte damit zugleich, die schon 1937 drohende Einberufung zur deutschen Wehrmacht zu vermeiden.

Das war für mich sehr ehrenvoll und anregend. Rom und seine Umgebung, Neapel und Herculaneum, Subiaco und Monte Cassino kennenzulernen, bot ein vielschichtiges Erleben. Aus dem vorgesehenen einen Jahr sind dann drei geworden.

Was setzte hinter diese glückliche Zeit den Schlusspunkt?

In San Pastore, dem Sommersitz des Germanikums, erhielt ich mit 18 Germanikern im September 1940 in versiegelten Briefen der Deutschen Botschaft in Rom die kurzfristige Einberufung zum Militär. Innerhalb von vier Tagen hatten wir uns in Münchener Kasernen zu melden, so dass ich meine Eltern damals nicht wiedersah. In München und im Dezember dann an der Kanalküste bei Dünkirchen erhielt ich die Ausbildung zum Funker.

Das war wohl eine harte Umstellung für Sie, P. Zeller.

Eigentlich nicht gar so umwerfend, denn ernst genommene Bemühungen um ein christlich gutes Leben sind auch kein Honigschlecken. Es öffnete sich mir die ganz andere, aber höchst nützliche Erfahrungswelt, unter Kameraden und in Gefahren zu leben, in Frankreich und im weiten Russland. Keinem wünsche ich den Einsatz des Lebens für sinnlose Kriege, aber sehr wohl die Einübung im Realismus, die soziale Verträglichkeit und die Ernsthaftigkeit in Verzicht und Gefahr. 

Hitler hat im Oktober 1940 befohlen, Jesuiten als „Nicht zu verwenden“ aus dem Wehrdienst zu entlassen. Hat dieser Befehl Sie erreicht?

Mythische Vorstellungen haben den „Führer“ einerseits gehoben, andererseits in Bezug auf unseren Orden beunruhigt. Er fürchtete „Wehrkraftzersetzung“ und plante, uns in die Endlösung nach dem Sieg einzubeziehen. Aber die Feststellung der Ordenszugehörigkeit machte trotz Haussuchungen und Briefzensur Schwierigkeiten. So sind bis Kriegsende 80 Jesuiten gefallen. Ich wurde am 5. Jänner 1942 aus dem Wehrdienst entlassen und konnte in Wien die in Rom begonnenen theologischen Studien fortsetzen.

Sie fanden in Wien sicherlich eine ganz eigenartige Situation vor.

Nach und nach hatten sich dort an die fünfzig junge Jesuiten eingefunden. P. Provinzial Beck hatte große Mühe, ihnen Quartier und Verpflegung zu verschaffen. Wir sollten auch möglichst unauffällig bleiben, um keine gehässigen Reaktionen zu provozieren. Die Stimmung in der Stadt war zwiespältig. Klerikale und künstlerische Kreise standen mehrheitlich abseits. Theater und Kinos spielten unter dem Vorwand der Volksberuhigung ihren untergründigen Protest. Der Druck der NS-Politik und Kriegswirtschaft war allgegenwärtig, wenn auch in den ersten Monaten der Bombenkrieg die Stadt noch nicht erreicht hatte.

Da die Universität noch in Funktion war, konnten wir an der katholisch-theologischen Fakultät inskribieren, neben Kriegsversehrten und Ungarn. Daneben hörten wir auch Vorlesungen der Jesuiten-Professoren, die nach der Aufhebung der Innsbrucker Theologischen Fakultät, des dortigen Kollegs und des Canisianums, teils nach Sitten in der Schweiz, teils nach Wien ausgewichen waren.

Mir ist die Atmosphäre dieser Zeit in Wien unvergesslich: die gemeinsame fröhliche Dankbarkeit für unsere Freiheit, eingeschränkt freilich von der Ungewissheit des künftigen Schicksals und im Zeitdruck der Studien zu den höheren Weihen. Alle Gedanken kreisten um die Freude der Berufung, den wachsenden Gefahren zum Trotz der Frohen Botschaft Jesu dienen zu dürfen.

Haben Sie noch in Wien die Priesterweihe empfangen?

Kardinal Innitzer hat mich am 19. Dezember 1942 in unserer Canisiuskirche zum Priester geweiht. Zur Primiz durfte ich zu meinen Eltern fahren, die unterdessen in einem Dorf östlich von Berlin lebten. Die weihnachtliche Christmette hatte in ihrer Armut und Bedrängnis eine gewisse Ähnlichkeit mit der ersten Weihnacht in Bethlehem. Die Diasporagemeinde war klein, aber eifrig. Mit Pferdewagen kamen sie von den umliegenden Dörfern.

P. Zeller, in Wien waren Ihre Studien noch fortzusetzen und die Abschluss-Prüfung „ad gradum“ zu machen, zu deren Vorbereitung man meist für vier Monate einen stillen Aushilfsposten bekam. Wo haben Sie diese Monate verbracht?

Ich kam auf eine Landpfarre in der Nähe von Danzig, die von geistlichen Schwestern betreut wurde. Eine davon war die leibliche Schwester des Tübinger Professors Theodor Steinbüchel, was ich wieder als eine gute Fügung ansah. Denn ich sollte noch das theologische Doktorat erwerben und suchte dafür einen Doktorvater. Die Schwester war bereit, mich ihrem Bruder zu empfehlen und er war bereit, mich zu betreuen. Das dann im Juli 1944 in Wien bestandene Examen, dem zur Abwechslung ein kurzer pastoraler Einsatz folgte, gab den Weg frei nach Tübingen.

Tübingen hatte schon immer eine Anziehung für Doktoranden. Haben Sie dort Mitbrüder angetroffen?

Aus unserem Orden promovierten dort P. Fritz Wulf im Fach Geschichte und P. Wilhelm Hunger als klassischer Philologe. Nachdem mein Problem durch das Entgegenkommen wohltätiger katholischer Familien gelöst war, gelang auch der Zutritt zur im Krieg geschlossenen Universitätsbibliothek nach einem Besuch beim Direktor. Diese Bibliothek ist übrigens von Kriegsschäden verschont geblieben. Im letzten Kriegsjahr und unter französischer Besatzung wissenschaftlich zu arbeiten, war enorm schwierig. Es erforderte drei Jahre, bis ich nach Einreichung meiner Dissertation über Johann Gottfried Herders Beitrag zur Moraltheologie und bestandenem Examen am 8. Mai 1947 mein theologisches Doktorat erwarb.

Bevor ein Jesuit an die Arbeit geht, hat er nicht nur eine sehr lange Studienzeit hinter sich, er hat auch noch ein „Terziat“, eine dritte Probezeit zu bestehen. Er soll seine Berufung festigen, seine Kenntnis des Ordens vertiefen und seinem Denken und Trachten eine gewisse Reife geben.

In meiner Erinnerung stehen diese neun Monate ab September 1947 als eine glückliche Zeit. Die „Rottmannshöhe“ am Starnberger See bot eine ideale Landschaft und in der Person des P. Franz Hayler hatten wir einen erfahrenen geistlichen Vater, der seine Strenge mit einem ehrlichen Wohlwollen zu mildern wusste.

Nun kam für Sie die Innsbrucker Zeit, deren Länge Sie damals wohl kaum geahnt haben.

Das Innsbrucker Jesuitenkolleg war seit 1939 beschlagnahmt und konnte nach dem Krieg nur nach und nach wieder von uns bewohnt werden. Anfangs bot der Zenzenhof Raum-Ersatz. Theologische Fakultät und Canisianum nahmen ihre Arbeit wieder auf, so dass die Hörerzahl jährlich anstieg. Ich bin im Kolleg zur selben Stunde wie P. Karl Rahner eingetroffen: am 28. Juli 1948 mittags, wenn auch aus der entgegen gesetzten Richtung.

Für Ihre Lehrtätigkeit an der Fakultät hatten Sie sich nun zu habilitieren, obwohl damals nur wenige und nur halb besoldete Planstellen zur Verfügung standen.

Für die Habilitation im Fach Dogmatik und Fundamentaltheologie folgte ich einer Anregung P. Karl Rahners, die Interpretationsgeschichte zweier dunkler Verse Matthäus 27,52-53 (Auferstehung Heiliger beim Tod Jesu) darzustellen. Die Arbeit erschien in der Zeitschrift für Katholische Theologie und die Ernennung zum Privatdozenten erfolgte im März 1950.

Als in diesem Jahr P. Schlagenhaufen unerwartet starb, war die Fundamentaltheologie neu zu besetzen. Sie wurde dem aus England zurückgekehrten P. Engelbert Gutwenger und mir zugeteilt. Ich übernahm den Traktat „De Ecclesia“, denn er bildete eine Art Brücke zur Dogmatik. Konfessionskunde und ein Seminar zu „Traditio“ und „Lumen Gentium“ ergänzten das Programm.

Wie kam es dann auch in den Hauptfächern zum Wechsel der Sprache der Vorlesungen und Skripten vom Latein zum Deutsch?

Die Hörer waren aber nach dem Krieg für Latein kaum noch aufnahmebereit. Zuerst fügte man zum Text nur gelegentliche deutsche Erklärungen hinzu, dann, just im Jahr des Erscheinens des Rundschreibens Johannes XXIII. „Veterum sapientiae“ (1958), in dem Latein angemahnt wurde, fand die Umstellung auf Deutsch statt.

P. Zeller, Sie haben der Wissenschaft auch als Bibliothekar gedient.

Das kann man wieder als einen Zufall, oder besser als eine Fügung betrachten. P. Paul Gächter, der viel Zeit in die Rückführung der Kollegsbibliothek investiert hatte, kam auf die Idee, mich, der ich im Canisianum die aus Sitten zurückgekommenen Bücher neu aufgestellt hatte, für die Fortsetzung seiner weit mühsameren Arbeit im Kolleg anzufordern. So kehrte ich 1953 ins Kolleg zurück und besorgte die Betreuung der großen Bibliothek bis zur Jahrtausendwende. 

Ein weiteres Arbeitsfeld eröffnete sich Ihnen im Rundfunk.

In Vertretung eines erkrankten Sprechers habe ich mit einer dreiwöchigen „Morgenbetrachtung“ im Österreichischen Rundfunk angefangen. Da es mir Freude machte und meine Beiträge auch ein gutes Echo fanden, folgten bald weitere Sendungen im Bayerischen Rundfunk und in Radio Vatikan. Zwischen 1957 und 1984 sind daraus 22 Bücher geworden, im neuen Jahrtausend noch einmal drei.

Die Patres des Innsbrucker Jesuitenkollegs pflegten allsonntäglich in der Stadt und der Umgebung seelsorgliche Aushilfen zu übernehmen. Ist das heute noch möglich?

Leider nicht mehr im alten Umfang. Es geht uns wie den Pfarrern: mit dem Ruhestand ist, wenn irgend möglich, die Arbeit nicht vorbei. Ich bin zur Sonntagmesse mit Predigt seit vielen Jahren in der Privatklinik der Kreuzschwestern in Hochrum. Dort ist die Kapelle groß genug, um auch Besuchern aus der Umgebung Platz zu bieten. Auch schätzen es die Patienten, dass der Gottesdienst zum Mithören und Mitsehen auf die Zimmer übertragen wird.

P. Zeller, lassen Sie mich zum Abschluss noch ein Kompliment zu Ihrem hohen Alter machen. Sie haben ja trotz vielfacher Beanspruchung ihr 94. Lebensjahr erreicht.

Das ist natürlich ein Geschenk des Himmels. Aber ich habe auch immer versucht, in jeder Hinsicht maßvoll zu leben. Ich liebte die Herausforderungen der Berge. Wer im schönen Tirol leben darf, sollte auch das gesunde Angebot der Berge nutzen. Ich habe erlebnisreiche Bergwochen mit verlässlichen Mitbrüdern und Freunden unternommen und den natürlichen Ausgleich zur Berufsarbeit gefunden. Nicht aus Eitelkeit, aber aus Dankbarkeit erwähne ich zum Schluss, dass mir die Dufourspitze des Monte Rosa den höchsten Punkt meines Lebens schenkte: 4638m. Dass es im Alter bergab geht, ertrage ich leichter, wenn ich bedenke, dass der Weg zu Gott in einem noch packenderen Sinn ein Weg nach oben ist.

P. Zeller, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und Gottes Segen.